Getauft, ausgestoßen – und vergessen?
29.01.2012 - 13.02.2013
„Getauft, ausgestoßen – und vergessen?“ ist der Titel einer Wanderausstellung Frankfurter evangelischer Kirchengemeinden über Evangelische jüdischer Herkunft in Frankfurt am Main 1933 –1945.
Sie wird am Sonntag, 29. Januar, mit einem Gottesdienst um 10 Uhr in der evangelischen Dreikönigskirche am Sachsenhäuser Ufer, eröffnet. Die Predigt hält Pröpstin Gabriele Scherle. Anschließend gibt es ein Gespräch unter anderem mit Zeitzeugin Marlies Flesch-Thebesius. Der Gottesdienst findet bewusst am Sonntag nach dem Jahrestag zum Gedenken an den Holocaust (27. Januar) und zum 70. Jahrestag des Ausschlusses der Christen jüdischer Herkunft aus der »Evangelischen Landeskirche von Nassau-Hessen« (15. Januar 1942) gewählt.
Die
Ausstellung
Die
Ausstellung wandert nach drei Wochen in weitere zehn Frankfurter
Kirchengemeinden. Diese steuern zu den fünf Anfangstafeln je eine eigene bei.
Die gewachsene Ausstellung soll dann ab 14. Januar 2013 bis
zur Finissage am 3. Februar im Karmeliterkloster zu sehen sein.
Auf fünf Ausstellungstafeln werden die Erkenntnisse aus dem Forschungs- und Erinnerungsprojekt »Der Umgang der Evangelischen Kirchen in Hessen mit den Christen jüdischer Herkunft während der NS-Zeit und nach 1945« vorgestellt. Jede der zwölf Frankfurter Gemeinden, durch die die Ausstellung wandert, ergänzt die Präsentation mit einer eigenen Tafel. Auf dieser wird die spezifische Geschichte der jeweiligen Gemeinde dargestellt.
Auf den fünf Tafeln, die den Rahmen der Gemeinschaftsausstellung bilden, können die Besucher die Namen aller derzeit bekannten Christinnen und Christen jüdischer Herkunft in Hessen, die im Holocaust ums Leben gekommen sind, erfahren. Informationen zum „Arierparagraph“ und zum „Kirchenausschluss“, die zur Ächtung, Verfolgung und schließlich Ermordung von Gemeindemitgliedern jüdischer Herkunft führten, veranschaulichen ebenso wie die wichtigsten Ereignisse im Deutschen Reich, in Frankfurt und in Hessen in den Jahren von 1933 bis 1945 den historischen Kontext der Ereignisse. Als herausragendes Beispiel in dieser Zeit wird die Hilfsleistung des „Bockenheimer Netzwerks“ vorgestellt, die zur Rettung vieler verfolgter Juden in Frankfurt führte. Die letzte der fünf Sektionen des Ausstellungsrahmens ist der gravierenden Erkenntnis gewidmet, die in den am Projekt teilnehmenden Gemeinden schmerzhaft bewusst wurde: Indem Personen mit jüdischen Vorfahren ausgeschlossen wurden, hatte die Kirche das Sakrament der Taufe und damit sich selbst verraten. Davon zeugen die Äußerungen der damaligen Landeskirche vom 15. Januar 1942: „Durch die christliche Taufe wird an der rassischen Eigenart eines Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert. Eine deutsche evangelische Kirche hat das religiöse Leben deutscher Volksgenossen zu fördern. Rassejüdische Christen haben in ihr keinen Raum und kein Recht.“
Projekte
der Dreikönigsgemeinde
In
der Dreikönigsgemeinde hat auf Initiative von Gemeindepädagogin Natascha
Schröder-Cordes seit Sommer 2010 eine Gruppe interessierter Mitglieder die
Tauf- und Konfirmationseinträge der Dreikönigsgemeinde aus den Jahren vor 1945
ausgewertet. Zentrale Fragen waren: „Was hat unsere Kirche damals für Verfolgte
getan?“ und „Was kann sie heute tun?“ Dies führte zur Erörterung beispielhafter
Familienbiografien mit dem Konfirmandenjahrgang 2010/2011. Pfarrer Martin
Vorländer gestaltete mit allen Beteiligten am 30. Januar 2011 einen Gedenkgottesdienst
zum Umgang der Kirche mit Christen jüdischer Herkunft in der NS-Zeit. Später im
Jahr wurden als sichtbare Zeichen der Erinnerung am 3. und 4. Juni acht
"Stolpersteine" an den Wohnorten von Verfolgten verlegt. Auch 2012
werden die diesjährigen Konfirmanden einbezogen. Beitrag der Dreikönigsgemeinde
zur Wanderausstellung werden Biografien von Verfolgten sowie der damaligen
Pfarrer Martin Schmidt und Fritz Creter, Fotos und Informationen zu Dreikönig
im Dritten Reich sein. Eine Videostation zeigt Filme von Gesprächen mit
Zeitzeugen. In einem „Buch des Lebens“ sind die bislang bekannten Namen und
Lebensdaten derer aufgeschrieben, die damals in Verbindung zu Dreikönig standen
und von den Nationalsozialisten ermordet wurden.
Konzeption
Die
Ausstellung wurde konzipiert von Lutz Becht (Institut für Stadtgeschichte),
Pfarrer Volker Mahnkopp (Evangelische Maria-Magdalena-Gemeinde), der
Frankfurter Initiativgruppe des Forschungs- und Erinnerungsprojektes unter
Federführung von Hermann Düringer (Evangelische Akademie Arnoldshain) und
Hartmut Schmidt (Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main).
Gestaltet wird die Ausstellung von Su Korbjuhn (agplus.Netzwerk für Architektur und Gestaltung).
Ausstellungsorte:
29.
Januar bis 19. Februar
Evangelische Dreikönigskirche am Sachsenhäuser Ufer
4.
März bis 25. März
Evangelisch-reformierte Gemeinde, Westend,
Freiherr-vom-Stein-Straße 8
29. März bis 15. April
Evangelische Lukaskirche, Sachsenhausen Gartenstraße 67
22.
April bis 20. Mai
Evangelische Sankt Katharinenkirche, Innenstadt, An der
Hauptwache
22.
Mai bis 17. Juni
Evangelische Lutherkirche, Nordend, Martin-Luther-Platz
24.
Juni bis 15. Juli
Evangelische Festeburggemeinde, Preungesheim, An der
Wolfsweide 48
22.
Juli bis 12. August
Evangelische Hoffnungsgemeinde, Innenstadt,
Hohenstaufenstraße 30
19.
August bis 9. September
Evangelische Französisch-reformierte Gemeinde,
Nordend, Eschersheimer Landstraße 393
16.
September bis 7. Oktober
Evangelische Kirchengemeinde Friedenau-Taunusblick,
Zeilsheim, Lenzenbergstraße 8
28.
Oktober bis 4. November
Evangelische St. Petersgemeinde, Innenstadt,
Epiphaniassaal, Oederweg 154
11.
November bis 21. November
Evangelische Paul-Gerhardt-Gemeinde, Niederrad, Kleine Kirche, Kelsterbacher Straße 41
22. November bis 1. Januar 2013
Evangelische Kirchengemeinde Bornheim, Johanniskirche, Turmstraße 12
14.
Januar bis 3. Februar 2013
Institut für Stadtgeschichte, Innenstadt,
Karmeliterkloster